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  • Die Kasus im Lateinischen einfach erklärt: Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ und Ablativ

    Die Kasus im Lateinischen einfach erklärt: Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ und Ablativ

    Wer lateinische Sätze verstehen und übersetzen möchte, muss die Kasus erkennen können. Im Deutschen sprechen wir meistens von „Fällen“: Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ. Im Lateinischen kommt ein weiterer wichtiger Kasus hinzu: der Ablativ.

    Dabei reicht es nicht, die Kasus einfach auswendig zu lernen. Viel wichtiger ist die Frage: Welche Aufgabe übernimmt ein Wort im Satz?

    Genau deshalb verbinden wir auch in dieser Lateinstunde die Grammatik wieder mit der Satzanalyse.

    1. Was ist ein Kasus?

    Ein Kasus zeigt uns, welche Funktion ein Nomen, Pronomen oder Adjektiv innerhalb eines Satzes übernimmt.

    Schauen wir uns zunächst einen deutschen Satz an:

    Marcus gibt dem Mädchen eine Rose.

    Wir können verschiedene Fragen stellen:

    Wer gibt eine Rose?
    → Marcus.

    Wem gibt Marcus eine Rose?
    → dem Mädchen.

    Wen oder was gibt Marcus dem Mädchen?
    → eine Rose.

    Im Lateinischen werden diese unterschiedlichen Funktionen vor allem durch die Endungen der Wörter sichtbar.

    2. Die fünf Kasus im Überblick

    KasusFrageHäufige Funktion
    NominativWer oder was?Subjekt
    GenitivWessen?Zugehörigkeit
    DativWem?Dativobjekt
    AkkusativWen oder was?Akkusativobjekt
    AblativWodurch? Womit? Wo? Woher? Wann?verschiedene adverbiale Angaben

    Diese Fragen helfen uns beim Einstieg. Später werden wir sehen, dass ein Kasus noch weitere Funktionen haben kann.

    3. Der Nominativ – wer oder was?

    Beginnen wir mit einem Satz aus unserer ersten Lateinstunde:

    Marcus amicum videt.

    Marcus sieht einen/den Freund.

    Bei der Satzanalyse suchen wir zuerst das Prädikat:

    videt = er/sie/es sieht

    Nun fragen wir:

    Wer oder was sieht?

    → Marcus.

    Marcus ist also das Subjekt und steht im Nominativ.

    Marcus gehört zur o-Deklination:

    Marcus = Nominativ Singular

    Der Nominativ ist besonders häufig der Kasus des Subjekts.

    4. Der Akkusativ – wen oder was?

    Bleiben wir bei unserem Satz:

    Marcus amicum videt.

    Wir wissen bereits:

    Wer sieht?
    → Marcus.

    Jetzt fragen wir:

    Wen oder was sieht Marcus?

    → amicum.

    amicum bedeutet „einen Freund“ oder „den Freund“.

    Das Wort steht im Akkusativ Singular. Bei einem maskulinen Nomen der o-Deklination erkennen wir diesen hier an der Endung -um:

    amicus → Nominativ Singular
    amicum → Akkusativ Singular

    Damit haben wir:

    Marcus = Subjekt im Nominativ
    amicum = Akkusativobjekt
    videt = Prädikat

    5. Der Dativ – wem?

    Für den Dativ brauchen wir ein Verb, das eine entsprechende Ergänzung zulässt:

    Marcus puellae rosam dat.

    Marcus gibt dem Mädchen eine/die Rose.

    Wir beginnen wieder beim Prädikat:

    dat = er/sie/es gibt

    Nun suchen wir das Subjekt.

    Wer gibt?

    → Marcus.

    Marcus steht im Nominativ Singular.

    Jetzt fragen wir:

    Wem gibt Marcus etwas?

    → puellae = dem Mädchen.

    puellae steht hier im Dativ Singular.

    Und schließlich:

    Wen oder was gibt Marcus dem Mädchen?

    → rosam = eine/die Rose.

    rosam steht im Akkusativ Singular.

    Wir haben damit:

    Marcus = Nominativ → Wer?
    puellae = Dativ → Wem?
    rosam = Akkusativ → Wen oder was?
    dat = Prädikat

    6. Der Genitiv – wessen?

    Der Genitiv drückt sehr häufig eine Zugehörigkeit oder nähere Bestimmung aus.

    Nehmen wir:

    Marcus rosam puellae videt.

    Marcus sieht die Rose des Mädchens.

    Wir fragen zunächst:

    Wer sieht?

    → Marcus.

    Wen oder was sieht Marcus?

    → rosam = die Rose.

    Jetzt bleibt puellae übrig.

    Wir fragen:

    Wessen Rose?

    → die Rose des Mädchens.

    puellae ist hier Genitiv Singular.

    Das ist besonders interessant, weil wir puellae bereits aus einem anderen Satz kennen:

    Marcus puellae rosam dat.

    Hier bedeutet puellae:

    dem Mädchen

    und ist Dativ Singular.

    In:

    Marcus rosam puellae videt.

    bedeutet puellae dagegen:

    des Mädchens

    und ist Genitiv Singular.

    7. Eine Form – mehrere mögliche Kasus

    Genau hier zeigt sich eine der Besonderheiten der lateinischen Formenlehre.

    puellae kann gleich drei verschiedene Formen darstellen:

    Genitiv Singular → des Mädchens
    Dativ Singular → dem Mädchen
    Nominativ Plural → die Mädchen

    Deshalb dürfen wir einen lateinischen Satz nicht übersetzen, indem wir einfach für jedes Wort die erste mögliche Bedeutung auswählen.

    Wir müssen den gesamten Satz analysieren.

    Vergleichen wir:

    Puellae rosam amant.

    Die Mädchen lieben eine/die Rose.

    Hier ist amant die 3. Person Plural.

    Wir brauchen deshalb ein Subjekt im Plural.

    puellae kann Nominativ Plural sein und passt zum Prädikat amant.

    Ganz anders bei:

    Marcus puellae rosam dat.

    Hier ist Marcus bereits das Subjekt. dare bedeutet „geben“, und jemand gibt jemandem etwas.

    Deshalb ergibt sich:

    Marcus → wer? → Nominativ
    puellae → wem? → Dativ
    rosam → wen oder was? → Akkusativ

    Der Satz selbst hilft uns also dabei, eine mehrdeutige Form richtig zu bestimmen.

    8. Der Ablativ – der vielseitige Kasus

    Nun kommt ein Kasus, den wir im Deutschen in dieser Form nicht haben: der Ablativ.

    Der Ablativ kann ganz unterschiedliche Bedeutungen ausdrücken. Am Anfang begegnet er uns besonders häufig nach bestimmten Präpositionen.

    Zum Beispiel:

    Marcus cum amico ambulat.

    Marcus geht mit dem Freund spazieren.

    cum bedeutet „mit“ und steht mit dem Ablativ.

    amicus → der Freund
    amico → mit dem Freund

    Wir fragen:

    Mit wem geht Marcus spazieren?

    → mit dem Freund.

    amico steht im Ablativ Singular.

    9. Der Ablativ kann verschiedene Fragen beantworten

    Der Ablativ kann beispielsweise Angaben zu Begleitung, Mittel, Ort, Herkunft oder Zeit ausdrücken.

    Deshalb können je nach Satz ganz unterschiedliche Fragen sinnvoll sein:

    Mit wem?

    Womit?

    Wodurch?

    Wo?

    Woher?

    Wann?

    Ein Beispiel mit einem Mittel:

    Marcus gladio pugnat.

    Marcus kämpft mit einem Schwert.

    gladio steht im Ablativ Singular.

    Womit kämpft Marcus?

    → mit einem Schwert.

    Hier wird im Lateinischen keine Präposition benötigt. Der Ablativ selbst kann ausdrücken, womit etwas geschieht.

    10. Der Ablativ mit Präposition

    Wir können den Ablativ auch nach Präpositionen finden.

    Puella cum amico ambulat.

    Das Mädchen geht mit dem Freund spazieren.

    cum verlangt den Ablativ.

    Deshalb steht nicht:

    amicus

    und auch nicht:

    amicum,

    sondern:

    amico

    Die Präposition kann uns also einen wichtigen Hinweis darauf geben, welchen Kasus wir suchen müssen.

    Später werden wir verschiedene Präpositionen kennenlernen, die entweder den Akkusativ oder den Ablativ verlangen.

    11. Warum die deutschen Fragewörter allein nicht ausreichen

    Die Fragen

    Wer oder was?
    Wessen?
    Wem?
    Wen oder was?

    sind am Anfang sehr hilfreich.

    Aber wir sollten uns nicht ausschließlich auf sie verlassen.

    Bei der lateinischen Satzanalyse kombinieren wir mehrere Informationen:

    Wir betrachten die Endung des Wortes.

    Wir bestimmen das Prädikat.

    Wir suchen das dazugehörige Subjekt.

    Wir überlegen, welche Ergänzungen das Verb haben kann.

    Wir achten auf Präpositionen.

    Und schließlich prüfen wir, welche Übersetzung inhaltlich und grammatisch zum gesamten Satz passt.

    12. Unsere Methode zur Satzanalyse

    Nehmen wir noch einmal:

    Marcus puellae rosam dat.

    Wir beginnen nicht einfach beim ersten Wort und übersetzen Wort für Wort.

    Schritt 1: Prädikat suchen

    dat

    dare = geben

    dat = 3. Person Singular, Präsens Aktiv Indikativ

    → er/sie/es gibt

    Schritt 2: Subjekt suchen

    Wer gibt?

    → Marcus.

    Marcus = Nominativ Singular.

    Schritt 3: Ergänzungen des Verbs suchen

    Jemand gibt jemandem etwas.

    Wem?

    → puellae.

    puellae = Dativ Singular.

    Was?

    → rosam.

    rosam = Akkusativ Singular.

    Schritt 4: Satz übersetzen

    Marcus puellae rosam dat.

    → Marcus gibt dem Mädchen eine/die Rose.

    So entsteht die Übersetzung aus der Grammatik des Satzes und nicht aus bloßem Raten.

    13. Die Kasus von puella im Überblick

    puella bedeutet „Mädchen“ und gehört zur a-Deklination.

    KasusSingularPlural
    Nominativpuella – das Mädchenpuellae – die Mädchen
    Genitivpuellae – des Mädchenspuellarum – der Mädchen
    Dativpuellae – dem Mädchenpuellis – den Mädchen
    Akkusativpuellam – das Mädchenpuellas – die Mädchen
    Ablativpuella – mit/durch/von dem Mädchenpuellis – mit/durch/von den Mädchen

    Beim Ablativ Singular lautet die Form genau genommen puellā mit langem a. In vielen lateinischen Texten werden solche Längenzeichen allerdings nicht geschrieben.

    14. Die Kasus von amicus im Überblick

    amicus bedeutet „Freund“ und gehört zur o-Deklination.

    KasusSingularPlural
    Nominativamicus – der Freundamici – die Freunde
    Genitivamici – des Freundesamicorum – der Freunde
    Dativamico – dem Freundamicis – den Freunden
    Akkusativamicum – den Freundamicos – die Freunde
    Ablativamico – mit/durch/von dem Freundamicis – mit/durch/von den Freunden

    Auch hier sehen wir wieder Formen, die mehrere Bestimmungen zulassen.

    amico kann Dativ oder Ablativ Singular sein.

    amicis kann Dativ oder Ablativ Plural sein.

    Wir brauchen also wieder den Satz, um die Form eindeutig zu bestimmen.

    15. Alle fünf Kasus an Beispielen

    Zum Schluss fassen wir die fünf Kasus noch einmal zusammen:

    Nominativ

    Marcus puellam videt.

    Wer sieht das Mädchen?

    → Marcus.

    Genitiv

    Marcus rosam puellae videt.

    Wessen Rose sieht Marcus?

    → die Rose des Mädchens.

    Dativ

    Marcus puellae rosam dat.

    Wem gibt Marcus die Rose?

    → dem Mädchen.

    Akkusativ

    Marcus puellam videt.

    Wen sieht Marcus?

    → das Mädchen.

    Ablativ

    Puella cum amico ambulat.

    Mit wem geht das Mädchen spazieren?

    → mit dem Freund.

    16. Das Wichtigste dieser Lateinstunde

    Latein hat fünf zentrale Kasus:

    Nominativ – Genitiv – Dativ – Akkusativ – Ablativ

    Für den Einstieg können wir uns folgende Fragen merken:

    Nominativ → Wer oder was?

    Genitiv → Wessen?

    Dativ → Wem?

    Akkusativ → Wen oder was?

    Ablativ → zum Beispiel womit, wodurch, mit wem, wo, woher oder wann?

    Doch die wichtigste Erkenntnis dieser Lateinstunde ist eine andere:

    Eine Endung allein liefert uns nicht immer die Lösung.

    Eine Form wie puellae kann mehrere grammatische Bestimmungen haben. Deshalb analysieren wir den ganzen Satz. Wir suchen zuerst das Prädikat, bestimmen anschließend das Subjekt und untersuchen danach die Objekte und weiteren Satzglieder.

    So wird aus einer Reihe lateinischer Wörter Schritt für Schritt ein verständlicher Satz – und genau diese Methode werden wir in den nächsten Lateinstunden immer weiter ausbauen.


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