Ich dachte, ich ziehe einfach nur in eine Wohnung.
Natürlich wusste ich, dass sich meine Umgebung verändert. Aber irgendwie hatte ich die Vorstellung, dass ich selbst einfach dieselbe bleibe. Ich nehme mein Leben, meine Gewohnheiten, meinen Glauben, meine Pläne und meinen Alltag mit und stelle all das gewissermaßen in ein neues Zuhause.
Doch in den letzten Tagen habe ich gemerkt: So einfach ist es nicht.
Gerade eben hat mein Wecker geklingelt. Der Wecker, der mir jeden Abend sagt, dass es Zeit ist, meine Tabletten zu nehmen und mich langsam auf das Schlafengehen vorzubereiten.
Und ausgerechnet in diesem Moment dachte ich:
Jetzt wäre ich eigentlich bereit, mit meiner Arbeit am MacBook anzufangen.
Jetzt.
Am Ende des Tages.
Dabei hatte ich heute kaum Termine. Ich hatte eine Lernpartnerschaft, aber ansonsten hätte ich viele Stunden für all die Dinge gehabt, die ich eigentlich machen wollte.
Und trotzdem habe ich fast nichts geschafft.
Mein Tag ist zwischen Essen, Filmen und Ausruhen verschwunden.
Ich habe unglaublich viel gegessen. Vor allem Süßes und viel zu große Mengen. Ich habe Filme geschaut. Gleichzeitig habe ich viel mehr im Bett gelegen als normalerweise – manchmal einige Stunden am Vormittag, noch einmal am Nachmittag und zusätzlich meine acht Stunden in der Nacht.
Und jetzt, als der Tag vorbei ist und mein Wecker mich daran erinnert, schlafen zu gehen, habe ich plötzlich das Gefühl, endlich anfangen zu können.
Das hat mich erschreckt.
Natürlich gab es für das viele Liegen auch körperliche Gründe. Es war sehr heiß, mein Kreislauf machte zeitweise nicht richtig mit und mir wurde immer wieder schwindelig. Dann muss ich mich hinlegen.
Aber trotzdem blieb irgendwann eine Frage:
Warum geht es mir nicht besser?
Ich gebe meinem Körper doch scheinbar ständig das, wonach er verlangt: Essen. Ruhe. Schlaf. Bequemlichkeit. Unterhaltung.
Und trotzdem habe ich nicht das Gefühl, dass es mir guttut.
Da kam mir ein Gedanke: Vielleicht liegt zwischen einem normalen Bedürfnis und einer Sucht manchmal nur eine sehr feine Linie.
Wann überschreiten wir diese Linie?
Wann esse ich, weil ich Hunger habe – und wann esse ich, weil mir etwas anderes fehlt?
Wann lege ich mich hin, weil mein Körper Ruhe braucht – und wann ziehe ich mich im Bett vor dem Leben zurück?
Wann schaue ich einen Film, weil ich mich entspannen möchte – und wann benutze ich ihn, um mich nicht mit dem beschäftigen zu müssen, was eigentlich auf mich wartet?
Wann genieße ich etwas – und wann beginnt es, mich zu beherrschen?
1. Plötzlich ist alles nur wenige Schritte entfernt
In meiner neuen Wohnung ist vieles unglaublich einfach geworden.
Der Supermarkt ist direkt vor meiner Nase.
Der Kühlschrank ist direkt vor meiner Nase.
Das Bett ist direkt vor meiner Nase.
Die Badewanne ist direkt vor meiner Nase.
Eigentlich klingt das herrlich. Und natürlich sind all diese Dinge zunächst einmal etwas Gutes. Es ist schön, ein bequemes Bett zu haben. Es ist schön, Lebensmittel kühlen zu können. Es ist schön, jederzeit ein Bad nehmen zu können.
Aber plötzlich fiel mir auf, dass etwas verschwunden ist:
der Widerstand.
In meinem Tiny House wollte ich ganz bewusst keinen Kühlschrank haben. Ich wusste, dass es mir nicht unbedingt guttut, wenn Essen ständig verfügbar ist.
Beim Leben im Auto und auch im Tiny House musste ich außerdem viel häufiger hinaus. Wenn es im Sommer drinnen zu heiß wurde, blieb mir gar nichts anderes übrig. Ich ging nach draußen, suchte mir einen schattigen Platz, ging spazieren, schwimmen oder verbrachte Zeit in der Natur.
Jetzt kann ich mich zurückziehen.
Und plötzlich frage ich mich sogar, ob ich manche dieser früheren Unbequemlichkeiten unbewusst gebraucht habe.
Vielleicht habe ich deshalb keinen Kühlschrank gewollt.
Vielleicht habe ich sogar deshalb nie ernsthaft eine Klimaanlage für mein Tiny House angeschafft.
Vielleicht wollte ein Teil von mir diese kleinen Widerstände behalten, weil sie mich immer wieder hinaus ins Leben gezwungen haben.
2. Brauchen wir Menschen Widerstände?
Wir Menschen versuchen ständig, unser Leben bequemer zu machen.
Wir erfinden Maschinen, bestellen Dinge nach Hause, kühlen und heizen unsere Wohnungen und versuchen, möglichst viele Hindernisse aus unserem Alltag zu entfernen.
Aber sind wirklich alle Hindernisse schlecht?
Vielleicht entsteht gerade zwischen einem Wunsch und seiner Erfüllung ein wichtiger Raum.
Ein Raum für eine Entscheidung.
Wenn ich etwas nicht sofort haben kann, muss ich mich fragen:
Brauche ich es wirklich?
Will ich es wirklich?
Tut es mir gut?
Genau an dieser Stelle musste ich an das christliche Fasten denken.
Beim Fasten erklären wir Nahrung nicht zu etwas Schlechtem. Im Gegenteil. Wir verzichten bewusst und zeitweise auf etwas, obwohl wir es haben könnten.
Wir setzen uns selbst eine Grenze.
Paulus schreibt:
„Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich.“
- Korinther 6,12
Vielleicht ist genau das der entscheidende Unterschied.
Freiheit bedeutet nicht, jederzeit alles tun zu können, wonach mir gerade ist.
Freiheit bedeutet auch, etwas tun zu können – und mich trotzdem dagegen entscheiden zu können.
Wenn ich nicht mehr entscheide, sondern das Verlangen entscheidet, beginnt etwas seine Macht über mich zu entfalten.

3. Doch vielleicht fehlt nicht nur die Begrenzung
Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr merkte ich jedoch: Der Kühlschrank allein erklärt nicht, was gerade mit mir passiert.
Noch etwas hat sich verändert.
Meine Gemeinschaft fehlt mir.
Bevor ich nach München gezogen bin, bestand mein Glaubensleben nicht nur aus einem Gottesdienst am Sonntag.
Es gab Bibelkreise. Es gab den Kirchenchor. Es gab Begegnungen mit anderen Christen während der Woche. Immer wieder gab es einen festen Zeitpunkt, an dem ich mein Zuhause verlassen und mich auf den Weg zu anderen Menschen gemacht habe.
Jetzt habe ich eine neue Gemeinde gefunden. Darüber freue ich mich sehr.
Aber ich befinde mich noch in diesem merkwürdigen Zwischenraum zwischen:
Ich gehe dort hin.
und:
Dort gehöre ich hin.
Ich habe bereits einige Menschen kennengelernt, aber ich bin noch nicht fest in Gruppen eingebunden. Beziehungen müssen erst wachsen.
Und plötzlich kann zwischen zwei Gottesdiensten eine ganze Woche liegen.
Erst jetzt merke ich, wie sehr mir die christliche Gemeinschaft während der Woche fehlt.
Jesus sagt:
„Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“
Matthäus 18,20
Vielleicht hatte ich unterschätzt, wie wichtig dieses Versammeltsein für mich geworden war.
4. Warum Zugehörigkeit Zeit braucht
Dabei kenne ich dieses Gefühl eigentlich schon.
Auch in meiner früheren Gemeinde gab es am Anfang Situationen, in denen ich mich fremd fühlte. Wenn eine vertraute Person nicht dabei war, wusste ich manchmal nicht, mit wem ich länger sprechen sollte. Ich konnte mitten unter Menschen stehen und mich trotzdem allein fühlen.
Jetzt erlebe ich etwas Ähnliches noch einmal.
Und vielleicht spielt dabei auch meine Art eine Rolle.
Ich gehe in Gesprächen häufig sehr schnell in die Tiefe. Ich stelle viele Fragen. Ich hinterfrage Dinge. Mich interessieren Gedanken, Gefühle, Überzeugungen und die großen Fragen des Lebens meistens mehr als oberflächlicher Smalltalk.
Andere Menschen brauchen dafür länger.
Sie möchten sich vielleicht erst einmal kennenlernen, eine angenehme Atmosphäre schaffen, Gemeinsamkeiten entdecken und Vertrauen aufbauen.
Das bedeutet nicht, dass mit ihnen etwas nicht stimmt.
Und es bedeutet auch nicht automatisch, dass mit mir etwas nicht stimmt.
Vielleicht sprechen wir nur unterschiedliche Geschwindigkeiten der Nähe.
Und genau deshalb braucht Zugehörigkeit Zeit.
Eine Gemeinde gefunden zu haben bedeutet noch nicht automatisch, in einer Gemeinschaft angekommen zu sein.
5. Was fehlt mir eigentlich?
Und damit kam ich zu der vielleicht wichtigsten Frage.
Wenn ich esse und mich danach nicht besser fühle – wonach hatte ich dann eigentlich Hunger?
Wenn ich mich hinlege und nach Stunden trotzdem nicht erholt bin – welche Ruhe habe ich eigentlich gesucht?
Wenn ich Filme schaue und danach trotzdem das Gefühl habe, den Tag verloren zu haben – wovor wollte ich mich vielleicht für ein paar Stunden zurückziehen?
Wenn ich mich zurückziehe und mich danach noch einsamer fühle – wonach hat meine Seele eigentlich verlangt?
Vielleicht versuche ich manchmal, ein Bedürfnis auf der falschen Ebene zu befriedigen.
Jesus nennt zwei Gebote, die für mich dabei drei Richtungen der Liebe sichtbar machen:
„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben […] Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“
Matthäus 22,37–39
Da ist die Liebe zu Gott.
Da ist die Liebe zum Nächsten.
Und da ist die Liebe zu mir selbst.
Diese drei Formen der Liebe sind für mich keine theologische Gleichsetzung mit Vater, Sohn und Heiligem Geist. Aber die Dreizahl lässt mich trotzdem nachdenken.
Wie steht es gerade um meine Beziehung zu Gott?
Wie steht es um meine Beziehung zu anderen Menschen?
Und wie gehe ich mit mir selbst um?
Vielleicht fehlt bei einer Sucht nicht einfach „die Liebe“. Dafür sind Suchterkrankungen viel zu komplex und können körperliche, psychische und soziale Ursachen haben.
Aber für mich persönlich darf ich trotzdem fragen:
Versuche ich gerade, mit Essen, Schlaf, Filmen und Rückzug etwas zu stillen, das sich nach Beziehung, Verbundenheit und Liebe sehnt?
6. Wenn die Versuchung näher ist als das, was mir guttut
Und dann fiel mir plötzlich dieses eine Wort auf:
Nähe.
Der Supermarkt ist nah.
Der Kühlschrank ist nah.
Das Bett ist nah.
Die Badewanne ist nah.
Der nächste Film ist nur einen Klick entfernt.
Alles, was mir eine schnelle Befriedigung, Ablenkung oder einen schnellen Rückzug ermöglicht, ist unmittelbar verfügbar.
Aber wie nah ist mir gerade Gott?
Wie nah sind mir andere Menschen?
Und wie nah bin ich mir selbst?
In den vergangenen Tagen war ich nicht im Bibelkreis. Ich war seit Sonntag nicht mehr in einem Gottesdienst. Mehrmals wollte ich abends noch in eine katholische Messe gehen, doch immer kam etwas dazwischen: mein Kreislauf, eine Nachhilfestunde oder etwas anderes.
Und während die Dinge, die mich kurzfristig trösten, unmittelbar verfügbar waren, rückten die Dinge, von denen ich weiß, dass sie meiner Seele langfristig guttun, weiter weg.
In diesem Zusammenhang bekommt ein Bibelvers für mich eine ganz neue Bedeutung:
„Widersteht dem Teufel, so flieht er von euch. Naht euch zu Gott, so naht er sich zu euch.“
Jakobus 4,7–8
Naht euch zu Gott.
Vielleicht geht es genau darum.
Nicht darum, den Kühlschrank zum Feind zu erklären.
Nicht darum, das Bett zum Feind zu erklären.
Nicht darum, einen Film zum Feind zu erklären.
Nicht darum, jedes Stück Schokolade als Versuchung des Teufels zu betrachten.
Sondern darum, aufmerksam zu werden, wenn etwas beginnt, einen Platz einzunehmen, der ihm nicht zusteht.
Die Versuchung bietet häufig etwas an, das sofort verfügbar ist.
Doch meine Seele sucht vielleicht etwas, das tiefer geht.

7. Ein Hilferuf meiner Seele
Deshalb möchte ich mich für die vergangenen Tage nicht einfach verurteilen.
Ich möchte zuhören.
Denn vielleicht ist das, was gerade geschieht, ein Hilferuf meiner Seele.
Vielleicht sagt meine Seele nicht:
Gib mir mehr Essen.
Vielleicht sagt sie:
Gib mir Gemeinschaft.
Vielleicht sagt sie nicht:
Bleib noch länger im Bett.
Vielleicht sagt sie:
Ich brauche wirkliche Erholung. Ich brauche Natur. Ich brauche Bewegung. Ich brauche Menschen.
Vielleicht sagt sie nicht:
Schau noch einen Film.
Vielleicht sagt sie:
Ich brauche etwas, das mich wirklich erfüllt.
Und vielleicht sagt sie vor allem:
Ich möchte Gott wieder näher sein.
Ich möchte diesen Hilferuf ernst nehmen.
Denn ich merke, dass sich mein Rückzug und mein Essverhalten gerade in eine Richtung entwickeln, die mir nicht guttut. Ich möchte nicht warten, bis aus einigen schwierigen Tagen Wochen oder Monate geworden sind.
Gleichzeitig möchte ich dabei nicht vergessen, dass nicht alles eine geistliche Ursache haben muss. Hitze, Schwindel und körperliche Erschöpfung können ebenso eine Rolle spielen. Und wenn aus einem vorübergehenden Tief eine Depression oder aus problematischem Essverhalten wieder eine ernsthafte Suchterkrankung wird, gehören auch medizinische oder therapeutische Unterstützung zu den Möglichkeiten, die ich ernst nehmen darf.
Aber jetzt, in diesem Moment, möchte ich nicht noch länger analysieren.
Ich möchte nicht darüber nachdenken, was ich alles falsch gemacht habe.
Ich möchte nicht gegen mich kämpfen.
Ich möchte mit all dem zu Gott gehen.
Mit meiner Sehnsucht.
Mit meiner Schwäche.
Mit meiner Einsamkeit.
Mit meinem Verlangen.
Mit meiner Dankbarkeit.
Mit meiner Angst vor einem Rückfall.
Und mit meiner Hoffnung, dass ich die Richtung ändern kann.
Denn vielleicht beginnt die Veränderung nicht damit, dass ich mich zusammenreiße.
Vielleicht beginnt sie damit, dass ich wieder Nähe suche.
8. Gebet zur Entspannung – Wenn meine Seele nach Nähe sucht
Lieber Gott,
Danke für alles, was du mir schenkst.
Danke für ein Zuhause, in dem ich sicher sein darf.
Danke für Nahrung, wenn ich hungrig bin.
Danke für ein Bett, wenn ich müde bin.
Danke für Ruhe, wenn mein Körper Ruhe braucht.
Danke für Menschen, die meinen Weg begleiten.
Danke für deine Liebe, die nicht davon abhängt, was ich leiste.
Lass mich deine Geschenke genießen, ohne mich an ihnen festzuhalten.
Lass mich dankbar sein, ohne immer mehr zu verlangen.
Lass mich erkennen, wann genug wirklich genug ist.
Zieh mich näher zu dir.
Zieh mich näher zu den Menschen.
Zieh mich näher zu mir selbst.
Führe mich zurück ins Leben.
Ich sehe, dass ich manchmal esse, obwohl mein Körper keinen Hunger hat.
Ich sehe, dass ich manchmal liegen bleibe, obwohl meine Seele aufstehen möchte.
Ich sehe, dass ich mich zurückziehe, obwohl ich Gemeinschaft brauche.
Ich sehe, dass ich nach schneller Befriedigung greife, obwohl meine Sehnsucht viel tiefer reicht.
Ich sehe, dass nicht jedes Verlangen mir zeigt, was ich wirklich brauche.
Hilf mir, hinzusehen, ohne mich zu verurteilen.
Hilf mir, zu unterscheiden zwischen Hunger und Sehnsucht, zwischen Ruhe und Rückzug, zwischen Genuss und Abhängigkeit.
Zieh mich näher zu dir.
Zieh mich näher zu den Menschen.
Zieh mich näher zu mir selbst.
Führe mich zurück ins Leben.
Ich lasse los, was mich festhält.
Ich lasse los, was für einen Augenblick tröstet und mich danach leerer zurücklässt.
Ich lasse los, was mehr Raum in meinem Leben einnimmt, als ihm zusteht.
Ich lasse los, was mich von dir entfernt.
Ich lasse los, was mich von anderen Menschen entfernt.
Ich lasse los, was mich von mir selbst entfernt.
Nicht alles muss ich haben.
Nicht jedem Verlangen muss ich folgen.
Nicht jede Leere muss ich sofort füllen.
Zieh mich näher zu dir.
Zieh mich näher zu den Menschen.
Zieh mich näher zu mir selbst.
Führe mich zurück ins Leben.
Vergib mir, wo ich mich selbst vergessen habe.
Vergib mir, wo ich deine Nähe nicht gesucht habe.
Vergib mir, wo ich mich verschlossen habe.
Vergib mir, wo Bequemlichkeit wichtiger geworden ist als das Leben, das du mir schenkst.
Vergib mir, wo ich wusste, was mir guttut, und trotzdem einen anderen Weg gewählt habe.
Und hilf auch mir, mir selbst zu vergeben.
Lass meine Fehler nicht zu Mauern werden.
Lass meine Schwäche nicht zu Hoffnungslosigkeit werden.
Lass einen Rückfall nicht darüber bestimmen, wie mein Weg weitergeht.
Zieh mich näher zu dir.
Zieh mich näher zu den Menschen.
Zieh mich näher zu mir selbst.
Führe mich zurück ins Leben.
Sei mir nahe, wenn ich mich einsam fühle.
Sei mir nahe, wenn die Versuchung näher scheint als du.
Sei mir nahe, wenn ich mich nach Trost sehne.
Sei mir nahe, wenn mein Körper erschöpft ist.
Sei mir nahe, wenn meine Gedanken schwer werden.
Sei mir nahe, wenn ich nicht weiß, was meiner Seele eigentlich fehlt.
Erfülle die Räume in mir, die ich mit anderen Dingen zu füllen versuche.
Erinnere mich daran, dass ich dich nicht erst suchen muss, wenn ich stark bin.
Ich darf gerade dann zu dir kommen, wenn ich schwach bin.
Zieh mich näher zu dir.
Zieh mich näher zu den Menschen.
Zieh mich näher zu mir selbst.
Führe mich zurück ins Leben.
Gib mir Kraft, aufzustehen, wenn ich mich verstecken möchte.
Gib mir Kraft, hinauszugehen, wenn der Rückzug mich festhält.
Gib mir Kraft, Nein zu sagen, wenn ein Verlangen mich beherrschen möchte.
Gib mir Kraft, Ja zu sagen, wenn das Leben mich ruft.
Gib mir Kraft, Grenzen zu setzen, wo Grenzen mir Freiheit schenken.
Gib mir Kraft, einen kleinen Schritt zu tun, wenn ein großer gerade unmöglich erscheint.
Schenke mir Selbstbeherrschung ohne Härte.
Schenke mir Disziplin ohne Selbstbestrafung.
Schenke mir Ruhe ohne Flucht.
Schenke mir Genuss ohne Abhängigkeit.
Zieh mich näher zu dir.
Zieh mich näher zu den Menschen.
Zieh mich näher zu mir selbst.
Führe mich zurück ins Leben.
Führe mich zu den Menschen, wenn ich mich allein fühle.
Führe mich zu den Menschen, mit denen ich lachen kann.
Führe mich zu den Menschen, mit denen ich beten kann.
Führe mich zu den Menschen, mit denen ich zweifeln und fragen darf.
Führe mich zu den Menschen, denen ich zuhören kann.
Führe mich zu den Menschen, denen auch ich etwas geben kann.
Lass mich nicht nur darauf warten, dass jemand zu mir kommt.
Lass mich selbst einen Schritt auf andere zugehen.
Lass mich Liebe empfangen.
Lass mich Liebe schenken.
Lass mich deine Liebe weitertragen.
Zieh mich näher zu dir.
Zieh mich näher zu den Menschen.
Zieh mich näher zu mir selbst.
Führe mich zurück ins Leben.
Amen.

9. Ich kann nicht bis September warten
Nach diesem Gebet wird mir eines besonders klar:
Ich kann nicht einfach darauf warten, dass sich etwas von selbst verändert.
Ich kann nicht bis September warten, bis vielleicht neue Gruppen beginnen oder ich irgendwo fest dazugehöre. Und ich kann auch nicht jede Woche von Sonntag bis Sonntag darauf warten, wieder christliche Gemeinschaft zu erleben.
Wenn meine Seele mir gerade zeigt, dass ihr etwas fehlt, dann möchte ich diesen Hilferuf jetzt ernst nehmen.
Ich brauche wieder Anker in meiner Woche.
Ich möchte Gottesdienste besuchen. Ich möchte versuchen, auch unter der Woche wieder in eine katholische Messe zu gehen. Ich möchte Möglichkeiten suchen, gemeinsam mit anderen zu beten, über den Glauben zu sprechen und Gemeinschaft zu erleben.
Und wenn etwas dazwischenkommt, möchte ich genauer hinschauen.
Natürlich gibt es Situationen, in denen mein Körper Ruhe braucht. Wenn mir schwindelig ist oder mein Kreislauf nicht mitmacht, wäre es falsch, mich dafür zu verurteilen oder meinen Körper zu ignorieren.
Aber ich möchte lernen zu unterscheiden:
Kann ich gerade wirklich nicht – oder möchte ein Teil von mir gerade lieber nicht?
Diese Frage gilt nicht nur für den Gottesdienst.
Sie gilt für einen Spaziergang.
Sie gilt für einen Ausflug in die Natur.
Sie gilt für meine Arbeit.
Sie gilt für Begegnungen mit anderen Menschen.
Und manchmal vielleicht sogar dafür, einfach aufzustehen.
10. Drei Arten von Nähe, die ich wieder suchen möchte
Aus meinen Gedanken über die vergangenen Tage ergibt sich für mich keine komplizierte Strategie.
Eigentlich führt sie mich zurück zu den drei Beziehungen, über die ich bereits nachgedacht habe:
Nähe zu Gott.
Nähe zu anderen Menschen.
Nähe zu mir selbst.
Nähe zu Gott bedeutet für mich, wieder bewusster zu beten, in der Bibel zu lesen, Gottesdienste zu besuchen und meinen Glauben nicht nur in Gedanken zu bewegen, sondern ihn gemeinsam mit anderen zu leben.
Nähe zu anderen Menschen bedeutet, selbst Schritte auf andere zuzugehen. Nicht darauf zu warten, dass eine neue Gemeinschaft mich sofort auffängt. Beziehungen brauchen Zeit. Aber sie brauchen auch Begegnungen, damit sie überhaupt wachsen können.
Und Nähe zu mir selbst bedeutet, wieder genauer hinzuhören.
Braucht mein Körper gerade wirklich Ruhe?
Brauche ich Nahrung?
Oder brauche ich vielleicht Bewegung, frische Luft, Natur, ein Gespräch, eine Aufgabe oder etwas, das meinem Tag Sinn gibt?
Paulus beschreibt, wie die Hinwendung zu Gott unser Denken verändern und schließlich auch unsere Beziehungen zu anderen Menschen prägen kann:
„Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“
Römer 12,2
Vielleicht besteht ein Teil meines Weges gerade darin, nicht jedem unmittelbaren Bedürfnis zu folgen, sondern wieder bewusster zu prüfen, was mir wirklich guttut und welchen Weg Gott mir zeigt.
11. Ich brauche neue Grenzen
Im Tiny House und beim Leben im Auto musste ich viele Grenzen gar nicht selbst setzen.
Sie waren einfach da.
Wenn ich keinen Kühlschrank hatte, konnte ich nicht jederzeit hineingreifen.
Wenn es drinnen zu heiß wurde, ging ich hinaus.
Wenn bestimmte Dinge nicht unmittelbar verfügbar waren, musste ich überlegen, ob sich der Aufwand wirklich lohnt.
Meine Umgebung hat mir Grenzen gesetzt.
Jetzt ist vieles einfacher geworden.
Deshalb muss ich etwas lernen, das vielleicht schwieriger ist:
Ich muss mir manche Grenzen selbst setzen.
Aber ich möchte diese Grenzen nicht als Strafe verstehen.
Ich möchte sie als Schutz verstehen.
Vielleicht bedeutet Selbstliebe manchmal gerade nicht, mir jederzeit das zu geben, wonach mir gerade ist.
Vielleicht bedeutet Selbstliebe manchmal:
Nein, das reicht jetzt.
Nein, ich brauche das gerade nicht.
Nein, ich bleibe jetzt nicht noch weitere Stunden liegen.
Und dann auch:
Ja, ich gehe hinaus.
Ja, ich treffe Menschen.
Ja, ich kümmere mich um meinen Körper.
Ja, ich tue etwas, von dem ich weiß, dass es mir langfristig guttut.
Paulus zählt unter den Früchten des Geistes auch die Selbstbeherrschung auf:
„Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung.“
Galater 5,22–23
Selbstbeherrschung bedeutet für mich dabei nicht, hart gegen mich selbst zu werden.
Vielleicht ist sie vielmehr eine Form von Freiheit:
Nicht jedes Verlangen muss bestimmen, was ich als Nächstes tue.
12. Vielleicht war Bequemlichkeit nie das eigentliche Ziel
Ich möchte meine neue Wohnung genießen.
Ich möchte mich über mein Bett freuen.
Ich möchte meinen Kühlschrank benutzen.
Ich möchte baden, Filme schauen, mich ausruhen und etwas Leckeres essen.
Ich möchte nicht anfangen, all diese Dinge zu meinen Feinden zu erklären.
Aber vielleicht muss ich meine Vorstellung davon verändern, was ein gutes Leben eigentlich bedeutet.
Ein gutes Leben ist nicht zwangsläufig ein Leben, in dem jedes Hindernis beseitigt wurde.
Vielleicht brauchen wir Herausforderungen.
Vielleicht brauchen wir Aufgaben.
Vielleicht brauchen wir manchmal sogar ein wenig Widerstand.
Denn wenn alles jederzeit verfügbar ist, besteht die Gefahr, dass wir irgendwann nicht mehr bewusst wählen.
Und vielleicht entsteht Dankbarkeit gerade dort, wo etwas nicht selbstverständlich ist.
Ich bekomme so vieles geschenkt.
Von anderen Menschen.
Vom Leben.
Und in meinem Glauben vor allem von Gott.
Doch Dankbarkeit möchte nicht nur empfangen.
Dankbarkeit möchte antworten.
Nicht, weil ich mir Gottes Liebe verdienen müsste.
Sondern weil ich etwas mit dem machen möchte, was mir geschenkt wurde.
„Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt.“
- Johannes 4,19
Vielleicht ist genau das der Unterschied:
Nicht handeln, damit Gott mich liebt.
Handeln, weil ich mich von Gott geliebt weiß.
13. Die Handbremse ziehen – und mich wieder dem Leben zuwenden
Vielleicht waren diese vergangenen Tage deshalb wichtig.
Nicht weil sie schön waren.
Nicht weil ich stolz darauf bin, wie ich sie verbracht habe.
Sondern weil ich etwas bemerkt habe.
Ich habe bemerkt, wie schnell sich mein Alltag verändern kann.
Ich habe bemerkt, wie sehr meine Umgebung mein Verhalten beeinflusst.
Ich habe bemerkt, wie sehr mir Gemeinschaft fehlt.
Ich habe bemerkt, dass Essen keine Einsamkeit stillt.
Ich habe bemerkt, dass Liegen nicht automatisch Erholung bedeutet.
Ich habe bemerkt, dass Ablenkung nicht dasselbe ist wie Freude.
Und ich habe bemerkt, dass meine Seele sich meldet, wenn ihr etwas fehlt.
Deshalb möchte ich jetzt die Handbremse ziehen.
Nicht aus Angst.
Nicht aus Selbsthass.
Nicht als Bestrafung.
Sondern weil ich leben möchte.
Jesus sagt:
„Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“
Johannes 10,10
Vielleicht bedeutet die Handbremse deshalb paradoxerweise gar nicht, stehen zu bleiben.
Vielleicht ziehe ich die Handbremse beim Rückzug, damit ich mich wieder in Bewegung setzen kann.
Hin zu Gott.
Hin zu anderen Menschen.
Hin zur Natur.
Hin zu Aufgaben, die mir wichtig sind.
Und hin zu mir selbst.
Ich dachte, ich würde einfach nur in eine Wohnung ziehen.
Jetzt merke ich:
Ich muss lernen, in dieser neuen Umgebung auch ein neues Gleichgewicht zu finden.
Früher hat meine Umgebung viele Grenzen für mich gesetzt.
Jetzt darf ich lernen, mir selbst liebevolle Grenzen zu setzen.
Und vielleicht ist die wichtigste Frage deshalb gar nicht:
Worauf muss ich verzichten?
Sondern:
Wem und was möchte ich in meinem Leben wieder mehr Raum geben?
Und vielleicht können auch wir uns manchmal fragen:
Was ist in meinem Leben so bequem und so nah geworden, dass ich gar nicht mehr bemerke, wie viel Raum es inzwischen einnimmt?
- Geschützt: Musterlösungen zum PPA im Lateinischen – Participium Praesentis Activi

- Das PPA im Lateinischen – Participium Praesentis Activi einfach erklärt

- Geschützt: Musterlösungen zum Perfekt Indikativ Aktiv

- Das Perfekt im Lateinischen – Indikativ Aktiv einfach erklärt

- Gott, der Mensch und das Böse – eine Erklärung mit Mengenlehre



Kommentar verfassen